Corona-Blog

Verhältnismäßigkeit und Kipppunkte

31.10.2020

Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit ist ein rechtsstaatliches Prinzip (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Verh%C3%A4ltnism%C3%A4%C3%9Figkeitsprinzip_%28Deutschland%29).

„Verhältnismäßigkeit verlangt, dass jede Maßnahme, die in Grundrechte eingreift, einen legitimen öffentlichen Zweck verfolgt und überdies geeignet, erforderlich und verhältnismäßig im engeren Sinn („angemessen“) ist. Eine Maßnahme, die diesen Anforderungen nicht entspricht, ist rechtswidrig.“

Durch diese juristische Brille betrachten politische Entscheider, Betroffene und Gerichte die einzelnen Maßnahmen, die beschlossen werden, um die Pandemie zu bändigen.

Der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit liegt gerade auf dem Übermaßverbot. Zu wenig Beachtung findet aus meiner Sicht zur Zeit das Untermaßverbot.

Das Untermaßverbot verpflichtet den Staat, ausreichende Maßnahmen normativer und tatsächlicher Art für einen angemessenen und wirksamen Schutz der grundrechtlich geschützten Rechtsgüter zu ergreifen.

Die Coronainfektionszahlen wachsen exponentiell (Basis der Exponentialfunktion über 1, R-Wert über 1) oder schrumpfen exponentiell (Basis der Exponentialfunktion unter 1, R-Wert unter 1).

Dabei gibt es Kipppunkte, die dafür verantwortlich sind, dass die Basis der Exponentialfunktion in kurzer Zeit größer oder kleiner wird. Ein Kipppunkt  ist der Zeitpunkt, an dem die Gesundheitsämter nicht mehr in der Lage sind, das Infektgeschehen durch Kontaktnachverfolgung zu kontrollieren.

Wird dieser Kipppunkt überschritten, sind plötzlich viel drastischere Maßnahmen notwendig (Kontaktbeschränkungen, Beschränkungen in der Gastronomie, bei Veranstaltungen usw.) und das sehen wir gerade jetzt. Also Folge des Untermaßes im Sommer.

Was ist also unser Ziel? Wir müssen darüber nachdenken, ob der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nicht verlangt, die Maßnahmen so zu gestalten und so lange aufrechtzuerhalten, bis das Infektgeschehen sich wieder in einem Bereich bewegt, in dem die Kontaktnachverfolgung nachweislich wirksam ist. Und danach den R-Wert dauerhaft unter 1 halten, denn das Gegenteil ist wohl nicht verhältnismäßig.

Sind Kinder „Infektionstreiber der Pandemie“?

25.10.2020

Warum wird dieses Thema kontrovers diskutiert? Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, lernt jeder Medizinstudent. Und man muss noch genauer differenzieren: Neugeborene sind keine Säuglinge sind keine Kleinkinder sind keine Vorschulkinder sind keine Grundschulkinder sind keine älteren Kinder sind keine Jugendlichen. Die Biologie und das Sozialverhalten unterscheiden sich in den Altersgruppen.

Erkenntnisse, die bei Erwachsenen gewonnen wurden, lassen sich nicht auf Kindergartenkinder übertragen und Erkenntnisse bei Kindergartenkindern nicht auf Grundschulkinder.

Eltern von Kindergartenkindern wissen aus Erfahrung: sobald das erste Kind eine KiTa besucht, erkranken alle Familienmitglieder häufiger an Atemwegsinfekten und Brechdurchfall. Die Erreger werden in die KiTa hineingetragen, verbreiten sich dort und werden dann nach Hause mitgebracht.

Doch gilt dies auch jetzt (schließlich ist man vorsichtiger geworden) und gilt dies auch für Coronavirusinfektionen?

Und was bedeutet eigentlich „Infektionstreiber“? Was will man ausdrücken, wenn man sagt Kinder seien keine Infektionstreiber? Will man ausdrücken, dass Kinder Corona weniger übertragen als andere Altersgruppen? Oder will man ausdrücken, dass Kinder Corona nicht deutlich mehr übertragen als Erwachsene? Oder will man damit begründen, dass Kindergärten und Schulen offengehalten werden sollen, weil man das sinnvoll findet?

Das Robert-Koch-Institut schreibt im Coronavirus-Steckbrief

(https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html, Stand 16.10.2020) im Abschnitt „Kinder- und Jugendliche“:

Infektiosität:

Die Infektiosität im Kindesalter wurde bisher selten untersucht und kann daher nicht abschließend bewertet werden. Die Ansteckungsrate durch Kinder war in Studien ähnlich hoch oder höher als bei erwachsenen Primärfällen (188, 192). Studien zur Viruslast bei Kindern zeigen keinen wesentlichen Unterschied zu Erwachsenen (193-197).

Die Corona-KiTa-Studie, ein Koordinationsprojekt zwischen dem Deutschen Jugendinstitut (DJI) und dem Robert Koch-Institut (RKI) (https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Projekte_RKI/KiTaStudie.html) wurde im Mai 2020 gestartet und untersucht folgende Fragestellungen:

  1. Unter welchen Bedingungen wird die Kinder­tages­betreuung während der Corona-Pandemie angeboten?
  2. Welche Herausforderungen sind für die Kindertagespflege und die Kinder­tages­einrichtungen, das Personal und die Familien von besonderer Bedeutung?
  3. Unter welchen Bedingungen gelingt eine schrittweise, kontrollierte Öffnung?
  4. Wie hoch sind die damit einhergehenden Erkrankungs­risiken für alle Beteiligten?
  5. Welche Rolle spielt die Gestaltung der schritt­weisen Öffnung für die weitere Verbreitung von SARS-CoV-2, und welche Rolle kommt dabei Kindern zu?

Mit Verweis auf die Corona-KiTa-Studie werden unterschiedliche Auffassungen zu Schutzmaßnahmen in Schulen oder Kindertagesstätten begründet. Soweit es die Schulen betrifft, ist das nicht seriös, weil Schulkinder und Schulen von der Studie nicht adressiert werden. Für KiTas ist die Studie eine geeignete Datengrundlage; allerdings muss bedacht werden, dass der letzte Monatsbericht vom September 2020 nicht die Phase der zuletzt stark steigenden Fallzahlen einschließt.

Aus meiner Sicht ist die Frage „sind Kinder Infektionstreiber?“ nicht und vor allem nicht für alle Altersstufen geklärt. Ich bin deshalb vorsichtig und unterstütze die aktuellen Empfehlungen des RKI  (https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Praevention-Schulen.html, Stand 12.10.2020).

Die Mathematik der Pandemie

24.10.2020

Das Coronavirus breitet sich (falls die Rahmenbedingungen, die man in der Basis der Funktion zusammenfassen kann, sich nicht ändern und die Durchseuchung noch niedrig ist) exponentiell aus. Ist die Basis der Exponentialfunktion größer als 1, nehmen die Neuerkrankungen zu, unter 1 nehmen sie ab. Bleibt die Basis über 1, wird ein großer Teil der Bevölkerung erkranken.

Ob das relevant ist, darüber wird gerade gestritten. Ist die Infektion eher mit einer Grippe vergleichbar, oder ist sie gefährlicher? Sterben 3%, sind das in Deutschland etwa 2,4 Millionen Menschen, sterben 1%, sind das 800.000. Sterben eigene Verwandte, ist die Gesamtzahl nicht mehr wichtig. Ist der Tod schicksalshaft, wird man es hinnehmen müssen, ist er vermeidbar, wird man hadern.

Blickt man über den Tellerrand ins Ausland, so beobachtet man: in Ländern, die die Pandemie im Griff haben, geht es der Wirtschaft gut und die Menschen können beinahe normal leben. In Ländern, die die Pandemie nicht im Griff haben, dekompensiert zuerst das Gesundheitssystem (auch die Regelversorgung); viele Regierungen sehen das dann als Problem an, denn (alle!) kranken Menschen werden schlechter versorgt. Will man dann im Chaos die Basis unter 1 drücken, sind drastischere Maßnahmen notwendig, als bei niedrigen Erkrankungszahlen, der bekannte lock-down folgt.

In meiner täglichen Arbeit nimmt Corona einen viel größeren Raum ein, als noch im Sommer. Hohe Erkrankungszahlen bedeuten höheren Ressourcenverbrauch, weniger Zeit für die anderen Patienten. Die Weiterversorgung der „normalen“ Patienten in Krankenhäusern und Facharztpraxen ist aufgrund des höheren Aufwands zunehmend eingeschränkt.

Wer eine Familie mit Kindern hat, erleidet durch höhere Erkrankungszahlen auch zuhause zunehmende Einschränkungen: Kinder in Quarantäne müssen zuhause betreut werden, die Betreuung in der Quarantänesituation belastet. Besuch darf nicht kommen, die Eltern müssen versuchen, die Einsamkeit der zuhause isolierten Kinder zu kompensieren. Manche Eltern fallen dann auch im Beruf aus, eine Krankenschwester oder ein Arzt kann nicht im Homeoffice arbeiten.

Jeder neue Erkrankte ist Sand im Getriebe des Lebens vieler Menschen im Land. Irgendwann kippt die Lage und die geölte Maschine unserer überall verzahnten Gesellschaft läuft heiß und gibt dann den Geist auf. Wahrscheinlich zuerst in den Intensivstationen, wo das geschulte Personal unter der Überlastung und aufgrund eigener Ausfälle dekompensiert.

Die Mathematik der Pandemie ist eigentlich einfach: will man eine Basis unter 1, so macht es Sinn, dies bei niedrigen Erkrankungszahlen zu erreichen. Unser Leben ist dann ziemlich angenehm, die Einschränkungen sind gering. Akzeptiert man eine Basis über 1, muss man gar nichts unternehmen, denn dann müssen sehr viele von uns die Erkrankung durchmachen und die Folgen akzeptieren. Weitere Optionen gibt es, falls eine Impfung kommt oder langsame Durchseuchung zu einer langdauernden Immunität führt, aber das wissen wir noch nicht.