Corona-Blog

Bundesnotbremse

13.4.2021

Da hat jemand das Gaspedal mit der Bremse verwechselt, denn die Schüler sollen nun auch bei doppelt so hoher Inzidenz noch in den Präsenzunterricht.

„Chile vacuna contra la covid- 19 a casi 1,3 millones de personas en una semana“

12.2.2021

So meldet El Pais aus Santiago de Chile. Das entspräche auf die deutsche Bevölkerung bezogen etwa 5,2 Millionen geimpften Personen in Deutschland. Wir haben laut Impfquotenmonitoring des RKI bis zum 11.2.2021 insgesamt etwa 3,8 Millionen Impfdosen in Deutschland verimpft.

Die Chilenen schaffen also in einer Woche (bezogen auf die Bevölkerung) mehr als wir bisher im ganzen Jahr.

B.1.351

7.2.2021

„Ersten Untersuchungen zufolge schützt der Impfstoff des Herstellers Astrazeneca nach einer Ansteckung mit der Mutation lediglich vor schweren Verläufen.“ meldet ntv.

Somit ist klar: in allen Ländern mit häufiger Anwendung dieses Impfstoffes wird sich diese Variante durchsetzen. Also sollte man Risikogruppen oder medizinisches Personal gerade nicht damit impfen, sondern allenfalls die am wenigsten Gefährdeten.

Beispielsweise ältere Schüler oder Studenten, um damit die Schulen und Universitäten für einige Monate wieder öffnen zu können.

Impfstoffe

2.2.2021

Der BioNTech-Impfstoff hat eine Wirksamkeit von 95%, für den Oxford-Impfstoff gibt die STIKO in der Altersgruppe bis 65 Jahren eine Wirksamkeit von etwa 70% an (bezogen auf eine Covid-19-Erkrankung, die durch PCR nachgewiesen wurde und mindestens eines der Symptome Fieber, Husten oder Atemnot verursachte).

Impft man mit dem Oxford-Impfstoff, so ist die Chance einer symptomatischen Covid-19-Erkrankung (Fieber, Husten, Atemnot) 6 x so hoch, wie beim BioNTech-Impfstoff (30% vs. 5%).

Ob asymptomatische Verläufe oder leichtere Erkrankungen (Halsschmerzen, Schnupfen…) durch die Impfungen verhindert werden, wurde von den Studien nicht adressiert. Es kann durchaus sein, dass geimpfte Menschen die Erkrankung mit sehr wenig Symptomen durchmachen und dabei ansteckend sind.

Ob dann eine Herdenimmunität mit einem weniger gut wirkenden Impfstoff erreicht werden kann oder ob im Gegenteil (durch Verhaltensänderungen im Vertrauen auf den Impfschutz) sogar die Pandemie noch befeuert wird, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.

Irrlichter

30.1.2021

„Kassenärzte fordern: Schulen wieder öffnen“

So die Schlagzeile bei ntv. Es ist nur einer, der das fordert, der Vorsitzende der KBV, Andreas Gassen. Unsere Hausarztverbände haben bereits klargestellt, dass sie das unsinnig finden. Die Forderung kommt von den Gassenärzten, nicht den Kassenärzten 😉

Israel

9.1.2021

Israel hat bisher etwa 20/100 BioNTech-Impfstoffdosen/Einwohner verimpft. Wir liegen bei etwa 0,5/100.

Die Britische Mutante ist im Landkreis angekommen. Sie trifft auf ein ungeschütztes ambulantes Medizinsystem. Laut Impfverordnung des Gesundheitsministers steht eine Impfung der Mitarbeiter der Hausarztpraxen aktuell aufgrund der Priorisierung nicht an. Viele Pflegekräfte im stationären Sektor werden ebenfalls nicht geimpft, weil sie zu „Aushilfskräften“ zählen. Sie melden sich nun arbeitsunfähig. Die anderen sind erschöpft oder selbst erkrankt.

Die 7-Tage-Inzidenz im Landkreis hat sich in den letzten 2 Tagen nahezu verdoppelt. Hoffentlich stimmt die Statistik nicht.

Ich befürchte: wenn wir nach London schauen, sehen wir unsere Zukunft.

Mutanten

8.1.2021

Die Tagesschau hat mehrfach über neue Virusmutanten berichtet („Spahn ignorierte Virologen-Warnung“ vom 7.1.2021), die deutlich ansteckender sind, als die bisherigen Varianten.

In Großbritannien soll eine Mutante für den aktuellen Ausbruch verantwortlich sein.

Kleine Abschätzung: eine FFP2-Maske filtert (bei optimalem Sitz) 90% der Viruslast aus den Aerosolen (im Arbeitsalltag wegen Undichtigkeiten deutlich weniger), die neue Mutante soll 70% ansteckender sein, als die älteren Corona-Varianten. Die Mutante dürfte somit die Schutzfunktion der persönlichen Schutzausstattung deutlich reduzieren.

Nach den Plänen des Gesundheitsministers werden die Mitarbeiter in den Arztpraxen erst ab etwa April 2021 geimpft, ein Impfschutz ist dann im Mai oder später zu erwarten.

Eine brisante Lage.

Berlin

Der „Tagesspiegel“ schrieb am 23.12.2020:

„Die Opposition im Bundestag fordert Aufklärung über das Immobiliengeschäft zwischen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und dem von Spahn zum Chef der Gematik GmbH ernannten Markus Leyck Dieken.

Aufgrund des „engen zeitlichen Zusammenhangs“ zwischen dem Wohnungskauf und der Berufung des Verkäufers zum Geschäftsführer der staatlich kontrollierten Gematik sei Spahn „gut beraten, für Aufklärung zu sorgen“, sagte FDP-Fraktionsvize Michael Theurer.

Wie berichtet, ist Spahn seit Anfang 2018 Eigentümer einer Wohnung im Berliner Bezirk Schöneberg, die zuvor Leyck Dieken gehörte. Spahn hat sie ihm für knapp eine Million Euro abgekauft. 2019 holte der Minister den früheren Arzt und Pharma-Manager an die Spitze der Gematik und setzte das Gehalt für den Posten um mindestens 110.000 Euro herauf.“

Das GEMATIK-Logo finden Sie als Patient beispielsweise auf den Kartenterminals unserer Arztpraxis. Bis vor kurzem waren Kartenterminals, Arztausweise, Router usw. relativ preiswerte Komponenten, nun müssen Sie alle von der Gematik zugelassen sein und kosten etwa 10 mal so viel wie zuvor (Kartenlesegerät beispielsweise etwa 600 Euro anstelle 60 Euro). Finanziert werden sie von den Krankenkassenbeiträgen der gesetzlich Versicherten und uns Arztpraxen.

Das Projekt „Telematikinfrastruktur“ ist ein Lieblingsprojekt des Gesundheitsministers und wer nicht daran teilnimmt wird mit empfindlichen Honorareinbußen sanktioniert. Das Projekt verschlingt bei allen Teilnehmern Unsummen von Geld und Zeit. Die einzige wesentliche Anwendung war bis Ende 2020 der Abgleich der auf der Versicherungskarte gespeicherten Stammdaten mit den bei der Krankenkasse gespeicherten Daten.

Deutschland

6.1.2020

„Wir haben mehr als genug bestellt“ (Jens Spahn in der Tagesschau)

Es ist aber nicht genug da. Ein Liquiditätsengpass, würde der Banker sagen. Insolvenz droht, falls keiner Kredit gibt. Kredit kommt von Glaubwürdigkeit.

Israel hat wohl den „besseren Businessplan“, wir sind beim „Benchmarking“ abgeschlagen.

Chile

6.1.2020

Eine befreundete Kollegin arbeitet als Neurologin in Osorno, im Süden von Chile. Wie sie mir schrieb, wird dort inzwischen das medizinische Personal weitgehend durchgeimpft. Es freut mich für die Chilenen, ich erinnere mich gerne an die vielen netten Menschen, die ich dort kennengelernt habe.

Hier gibt es noch keinen Grund zur Freude. Keine Impfung in Aussicht, volle Infektsprechstunde. Brave Verwaltungsbeamte in warmen Büros, die unter Minimierung des eigenen Risikos umsetzen, was von oben kommt, wie Automaten, die Eleganz des Verwaltungsaktes im Blick, das eigentliche Ziel aus den Augen verloren.

Ein deutscher Gesundheitspolitiker hat kurz vor Weihnachten im Fernsehen zum Verzicht auf Kontakte aufgerufen, so wie er ja auf seine Geburtstagsfeier verzichtet habe. Man hört aber, er habe seinen Geburtstag in Girlan (Ortsteil von Eppan in Südtirol) gefeiert, eine sehr spezielle Party, so erzählt es der Koch.

Floskulitis

3.1.2021

Beeindruckend, wie alles an Ihnen abprallt, an Spahn, Laschet und ihresgleichen. Man konnte es vorher nicht ahnen, alles nach Plan, wir müssen uns viel verzeihen, wir lernen immer dazu. Floskeln, die immer passen.

Herbert Wehner war in den letzten Jahren als Bundestagsabgeordneter wohl dement und niemand hats gemerkt, er kam mit den eingeübten Floskeln gut über die Runden.

Derweil wird die Hälfte des knappen gelieferten Impfstoffes in den Depots gehortet und wir warten wieder.

Ein erfahrener Kollege hat mir mal erzählt, er mache Psychotherapie mit 2 Sätzen: „Das sind so Sachen!“ und „Da kann man mal sehen“.

Ich kann mich nur anschließen: das sind so Sachen, da kann man mal sehen.

Erste Dosis

31.12.2020, Tagesschau:

„Die Regierung in London erwägt einem Medienbericht zufolge, die Auffrischungs-Impfungen gegen Corona erst später zu geben. Bei mehr als 500.000 Personen könnte die zweite Impfung bis zu zwölf Wochen verschoben werden, berichtet die Zeitung „The Guardian“. Ursprünglich sollten je nach Vakzin zwischen der ersten und der zweiten Impfung drei bis vier Wochen liegen. Das britische Gesundheitssystem NHS überdenkt dem Bericht zufolge derzeit seine Impfstrategie. Mit der Verschiebung der zweiten Dosis könnten erstmal mehr Menschen geimpft werden. Bereits die erste Impfung bietet bereits einen gewissen Schutz vor Corona.“

Das ist angesichts des Zeitdrucks eine sehr vernünftige Strategie, die auch bei uns angewandt werden muss. Es macht keinen Sinn, nur die Hälfte der möglichen Patienten zu impfen, weil brave Bürokraten die Impfdosis für die zweite Impfung zurücklegen. Das größte Risiko ist aktuell, zu langsam durchzuimpfen und nicht, dass die zweite Dosis ggf. etwas später verabreicht wird.

Dieses Prinzip wird (angesichts des Impfstoffmangels bei der Pneumokokkenimpfung, Zosterimpfung…) in den Hausarztpraxen seit Jahren umgesetzt. Die STIKO kommuniziert: jede Impfung zählt, es gibt keine zu langen Abstände, nur zu kurze.

Angesichts dieser altbekannten Basics bleibt es unverständlich, warum die ausbleibenden Impfstofflieferungen des Bundes in der Peripherie zu Verzögerungen führen, denn vergleicht man die Anzahl der gelieferten und verimpften Dosen, so muss in den Impfzentren ausreichend Impfstoff vorhanden sein, der für die zweite Impfung reserviert wurde.

Jede zurückgelegte Impfdosis ist eine versäumte Impfung, ein Mensch ohne Schutz, es geht jetzt um Geschwindigkeit!

Ethik 2

Die Tagesschau berichtete am 28.12.2020:

Theologe Dabrock kritisiert Einteilung der Risikogruppen

Kurz nach dem offiziellen Start der Corona-Impungen hat der frühere Ethikrats-Vorsitzende Peter Dabrock die Reihenfolge bei den Impfungen in Deutschland kritisiert. So hätte stärker berücksichtigt werden müssen, wie viele nicht zu vermeidende Kontakte und damit Infektionsrisiken bestehen, sagte Dabrock dem SWR. „Zum Beispiel bei den Pflegekräften und auch bei denjenigen, die an der Kasse eines Supermarktes sitzen und von Berufswegen mit einem ständig wechselnden Personenkreis zu tun haben.“ Diese Menschen tragen nach Ansicht Dabrocks „ein ungeheuer großes Risiko“, das beispielsweise auch größer sei als das allgemeine Risiko von 60- bis 75-Jährigen. Kritisch sieht der evangelische Theologe auch, dass die Einteilung der Impfreihenfolge nicht im Bundestag debattiert worden sei.

Der Bundesvorsitzende der Senioren Union, Otto Wulff, sprach sich dafür aus, das gesamte medizinische Personal und alle Pflegekräfte zu Impfungen zu verpflichten. „Ich persönlich würde eine Impfpflicht für Pfleger und Ärzte begrüßen. Wer eine Verantwortung für eine kranke Person trägt, der muss auch auf deren Bedürfnisse Rücksicht nehmen. Die Patienten und die Personen, die gepflegt werden, sind einer erhöhten Gefahr ausgesetzt – und diese Gefahr muss, soweit es geht, ausgeschaltet werden“, sagte er der „Bild“.

Wissenschaft?

20.12.2020

CNBC meldete am 14.12.2020:

„But healthcare personnel and long-term care facility residents should receive the vaccine first, according to the Advisory Committee on Immunization Practices, the independent panel of medical and public health experts that’s responsible for coordinating vaccine distribution.

Healthcare personnel” includes all paid and unpaid people who work in healthcare settings and are at greater risk of exposure to Covid-19 patients or infected substances, according to the CDC. This group includes everyone from physicians to medical students, maintenance staff in hospitals to home aides and more.“

Israel verfährt ähnlich und hat heute seine Impfkampagne begonnen.

Wie kann es sein, dass unsere Impfpriorität „wissenschaftlich begründet“ ist und andere Nationen und ihre Wissenschaftler überwiegend andere Schlüsse ziehen? Wer ist der Geisterfahrer auf der Covid-Autobahn?

Bis Ende Dezember werden die USA 20 Millionen Menschen geimpft haben. Wir starten da erst.

„Deutschland stellt sich hinten an“

19.12.2020

„Die Bundesregierung hat beim Impfen ganz auf Europa gesetzt – und krachend verloren“

Uwe Jean-Heuser und Ingo Malcher zerpflücken die Impfstrategie der Bundesregierung (DIE ZEIT N° 53 vom 17. Dezember 2020, Seite 23).

„Fast 500 Corona-Tote am Tag, eine gute Milliarde Euro neue öffentliche Schulden alle 24 Stunden und die fortgesetzte Einschränkung der Freiheit von mehr als 80 Millionen Bundesbürgern – bedeutet das für die deutsche Regierung und ihren Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) keinen historischen Notfall? Sonst könnte in der Bundesrepublik längst per Notfallzulassung geimpft werden.

Die westliche Welt von Großbritannien über die USA bis Kanada impft bereits mit dem von der deutschen Firma BioNTech entwickelten Stoff. Weitere Länder von Mexico bis Singapur haben ihn zugelassen. Und die Bundesregierung? Wartet und will nun die Nachricht als Erfolg gewertet wissen, dass Europa angeblich die Zulassung auf den 21. Dezember vorziehe. Hauptsache, die Deutschen erweisen sich als das, was man in Berlin unter guten Europäern versteht.“

Während andere westliche Demokratien wie Japan, Kanada oder die USA bereits im Juli, als BioNTech schon gute Daten vorlegen konnte, für einen Großteil ihrer Bevölkerung Impfstoff bei Pfizer/Biontech bestellt hat, hat sich die EU-Kommission bis 11. November Zeit gelassen.

Kanada hat im Juli 2 Impfdosen des deutschen Impfstoffes für jeden (!) Einwohner bestellt, kann nun also zügig die gesamte Bevölkerung schützen. Die EU hat im November 200 Millionen Dosen + eine Option für 100 Millionen weitere Impfstoffe bei Pfizer/BioNTech bestellt. Deutschland stehen 18% davon zu, damit kann  jeder 3. Mensch in Deutschland geimpft werden.

Für Erzieherinnen, Lehrer, Polizisten, Feuerwehrleute, Einzelhandel, Soldaten… wird es wohl mindestens bis Mitte 2021 keine Impfung geben! (Nachtrag: im Laufe des Tages wurde einerseits gemeldet, dass die Bundesregierung nun auf Kritik reagiert und im nationalen Alleingang Impfstoff nachbestellt hat, Lieferzeitpunkt ungewiss. Andererseits wurde auch publik, dass beispielsweise BioNTech der EU 400 bis 500 Millionen Dosen angeboten hatte, die Brüsseler EU-Unterhändler diese jedoch nicht bestellt haben. Moderna hatte 300 Millionen Dosen angeboten, bestellt wurden 80 Millionen mit Option auf weitere 80 Millionen Dosen).

Übrigens hat die EU-Kommission bereits im August beim schwedisch-britischen Konzern AstraZeneca 300 Millionen Impfdosen (+100 Millionen Optionen) und beim französisch-britischen Gemeinschaftsprojekt von Sanofi und GSK weitere 300 Millionen Dosen im September bestellt.

Diese Impfstoffe funktionieren jedoch nicht. „AstraZeneca…hat offenbar bei den Studien unsauber gearbeitet… und der von Sanofi und GSK entwickelte Stoff…hat bei Erwachsenen offenbar eine unzureichende Immunreaktion ausgelöst… Damit fehlen in der EU erst mal bis zu 700 Millionen Dosen.“

Es ist bitter: der wirksame Impfstoff wurde in Deutschland entwickelt (und die Entwicklung mit 375 Millionen Euro gefördert) und wird nun im Ausland eingesetzt. Bestellt wurde dann der billige (und bislang unwirksame) Impfstoff aus dem Ausland. „Es muss ein zähes Ringen um den Preis gewesen sein, den Europa zu zahlen bereit war. Das Knausern hat jetzt Folgen.“

Wir erinnern uns:

Im Frühling standen wir ohne Schutzausstattung da. Der Bundesgesundheitsminister legte den Knauser-Mechanismus fest, mit dem unsere Eigenproduktion zugunsten der billigeren Ware aus dem Ausland benachteiligt wird. In der Krise fehlte dann die Ausstattung und es wurde erwartet, dass all die Pfleger, Ärzte, Erzieher, Lehrer usw. ohne Schutz in die Bresche springen.

Jens Spahn hat nicht daraus gelernt, wieder geknausert, Verantwortung wegdelegiert und inszeniert sich nun als gerechten Verteiler des Mangels, den er selbst ohne Not produziert hat.

Deutschland hat 2 große Probleme: die Pandemie und Gesundheitsminister Jens Spahn.

Ethik

18.12.2020

Vor einigen Tagen ist eine Kindergärtnerin meines jüngsten Sohnes an Covid-19 verstorben. Sie hatte sich in der KiTa angesteckt. Wir denken zur Zeit oft an sie, unser Mitgefühl gilt ihren Angehörigen.

Hätte eine Impfung sie geschützt? Wann hätte sie sich impfen lassen können?

Die Leopoldina, der deutsche Ethikrat und die STIKO wurden aufgefordert, Stellung zu nehmen und Herr Spahn hat heute die Ergebnisse in einer „Corona-Impfverordnung“ verwurschtelt.

Der wichtigste zu berücksichtigende ethische Grundsatz sei gewesen, dass jedes Leben gleich viel wert sei. Herr Spahn hat noch „die Schwächsten schützen“ hinzugefügt. Aufgrund dieser Überlegungen sei von ihm die Impf-Priorität festgelegt worden.

Öffnen wir mal Herrn Spahns Weihnachtspäckchen und wenden es auf fiktive Menschen in unserem Land an:

  1. Anerkannter Bürgerkriegsflüchtling aus Syrien, 23 Jahre alt, wohnt in Gemeinschaftsunterkunft, sehr sympathisch, kerngesund, lernt fleißig Deutsch im Deutschkurs
  2. Hausarzt, 61, Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz, 2 Schlaganfälle, behandelt täglich Covid-19-Patienten in seiner Praxis
  3. Lehrerin, 61, Z.n. Brustkrebs, Chemotherapie, in einer Grundschule vollzeitig tätig, Teilzeittätigkeit wurde von Herrn Piazolo gestrichen
  4. Polizist, 61, erschöpft vom langjährigen Schichtdienst, Kettenraucher, COPD
  5. Erzieherin, 61, sonst gesund, in einem Kindergarten tätig, Kinder ohne Mundschutz, werden leider auch mit „Schnupfennase“ und leichtem Husten ohne Fieber in die Betreuung abgegeben, es gab bereits mehrere Ausbrüche in der KiTa und einen Todesfall beim Personal, da auch die an Covid-19 erkrankten Kinder nur diese Symptome hatten
  6. Bundeswehrsoldat, 23 Jahre alt, hat schon mehrmals für unser Land in Afghanistan den Kopf hingehalten, auch sehr sympathisch, auch kerngesund, wohnt in der Kaserne, da er Unterhalt für ein Kind leisten muss und für eine Wohnung kein Geld hat

Und das wars auch schon, denn die Reihenfolge entspricht schon der Corona-Impfverordnung. Bürgerkriegsflüchtling und Hausarzt kommen gleichberechtig in Gruppe 2, der Rest irgendwann später.

Der sympathische Bürgerkriegsflüchtling unterscheidet sich abgesehen vom Status nicht vom sympathischen Bundeswehrsoldaten, wird aber zuerst geimpft.

Die Leopoldina, der Olymp deutscher Wissenschaft, hat festgestellt, dass wir Hausärzte im Winter nur unter Aufsicht in den Impfzentren impfen sollen, weil sonst die Gefahr bestünde, dass wir die ethischen Grundsätze der Corona-Impfverordnung nicht umsetzen.

Die STIKO hat übrigens (epidemiologisches Bulletin 2-2021, vorab veröffentlicht) keine Daten zu beruflichen Risiken in ihre Empfehlungen einfließen lassen, sondern sich auf ein „Expertenvotum“ gestützt, dessen Beurteilungskriterien nicht veröffentlicht wurden.

Führer, Volk und Vaterland

7.12.2020

Vor 20 Jahren erzählte mir ein ärztlicher Kollege, der den zweiten Weltkrieg erlebt hatte, folgende Geschichte: sein Trupp überquerte im Winter auf Skiern in Russland eine Lichtung. Einer seiner Kameraden war zu langsam und wurde abgeschossen.

Es hieß: „Er starb für Führer, Volk und Vaterland“

Der Kollege erzählte weiter: sein Kamerad kam aus einem Ort aus Norddeutschland. Bei Berchtesgaden gab es einen Ort gleichen Namens. Er wurde zu den Gebirgsjägern eingezogen, weil die Behörden davon ausgingen, er sei ein Bayer aus den Bergen und im Schnee aufgewachsen.

Ich spürte den Groll in seinen Worten, als er erzählte: „Er starb nicht für Führer, Volk und Vaterland, sondern weil er nicht Ski fahren konnte. Die Behörden waren einfach unglaublich dämlich.“

Die Geschichte fiel mir heute ein, als die Empfehlungen der STIKO zur Priorisierung der Coronaimpfungen veröffentlicht wurden: 100-jährige Demenzkranke sollen vor dem medizinischen Personal in den Hausarztpraxen geimpft werden.

Was wird wohl auf dem Grabstein stehen, wenn ungeimpftes medizinisches Personal an Covid-19 erkrankt und stirbt?

Perfektionismus, Mangel, Verantwortung und Funktion

6.12.2020

Warum überholen uns andere?

Vielleicht muss Deutschland lernen, wieder vom Ende her zu denken: funktioniert das denn überhaupt, was wir uns perfektionistisch überlegen? Können wir es zeitnah umsetzen? Haben wir die Ressourcen?

Impfstoffe sind nun verfügbar, sogar in Deutschland entwickelt. Das Gesundheitssystem steht vor dem Abgrund und – wir warten. Sind wir wirklich klüger und sorgfältiger, als andere? Haben wir aus den Fehleinschätzungen des Frühjahrs gelernt? Erinnern wir uns noch an die damalige Einschätzung des RKI zu Masken, Infektiosität asymptomatischer Patienten, Testkriterien und Skiurlaubern in Österreich? Und die Folgen?

Nun stehen Entscheidungen an, wer wird wann und wo geimpft? Die Leopoldina hat weit ausgeholt, Überlegungen zu Ethik und Recht einbezogen.

Zur Umsetzung der Ziele ihrer Empfehlungen seien Hausarztpraxen ungeeignete Orte für die Impfung. Eine richtige Priorisierung, die alle ethischen und rechtlichen Grundsätze in der Situation des Mangels berücksichtige, könne nur in Impfzentren erfolgen.

Die Politik, wie so oft in unserer heutigen Zeit, übernimmt die Verantwortung nur halb, verweist auf die „Experten“ und setzt die Empfehlungen um. Funktioniert das ganze nicht, kann man die Hände in Unschuld waschen und auf die Experten verweisen.

Nun werden also Impfzentren aufgebaut, obwohl aufgrund des Mangels an Impfstoff anfangs deutlich weniger Menschen geimpft werden können, als gegen Influenza. Und dann – ups – stellt man fest, dass ja irgendjemand entscheiden soll, wer nun die komplexen Kriterien der Leopoldina oder des RKI erfüllt.

Und denkt wieder an die Hausarztpraxen. Wir sollen Atteste für die Impfungen ausstellen, anstatt zu impfen, und mit den Attesten sollen die Patienten dann zu den Impfzentren fahren, um sich dort impfen zu lassen.

Und das ist das heutige Thema:

Macht Qualitätssicherung! Wenn geballte Weisheit und delegierte Verantwortung Unfug erzeugt, dann sorgt für eine Rückkopplung und Änderung im System!

Denkt vom Ende her, Entscheider in der Politik: wir haben ein kollabierendes Gesundheitssystem und einen Impfstoffmangel, Wir können nicht alle Risikopatienten impfen. Am Anfang reicht es nur für die Mitarbeiter im Gesundheitssystem. Die müssen weiter funktionieren, dort ist der größte Engpass und der ist entscheidend für die Gesamtfunktion der Gesellschaft. Schickt für jeden Mitarbeiter im Gesundheitssystem, der sich impfen lassen will, eine Impfdosis in die bestehenden Gesundheitseinrichtungen (und eine zweite nach 3 Wochen) und startet die Impfungen – jetzt!

Verhältnismäßigkeit und Kipppunkte

31.10.2020

Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit ist ein rechtsstaatliches Prinzip (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Verh%C3%A4ltnism%C3%A4%C3%9Figkeitsprinzip_%28Deutschland%29).

„Verhältnismäßigkeit verlangt, dass jede Maßnahme, die in Grundrechte eingreift, einen legitimen öffentlichen Zweck verfolgt und überdies geeignet, erforderlich und verhältnismäßig im engeren Sinn („angemessen“) ist. Eine Maßnahme, die diesen Anforderungen nicht entspricht, ist rechtswidrig.“

Durch diese juristische Brille betrachten politische Entscheider, Betroffene und Gerichte die einzelnen Maßnahmen, die beschlossen werden, um die Pandemie zu bändigen.

Der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit liegt gerade auf dem Übermaßverbot. Zu wenig Beachtung findet aus meiner Sicht zur Zeit das Untermaßverbot.

Das Untermaßverbot verpflichtet den Staat, ausreichende Maßnahmen normativer und tatsächlicher Art für einen angemessenen und wirksamen Schutz der grundrechtlich geschützten Rechtsgüter zu ergreifen.

Die Coronainfektionszahlen wachsen exponentiell (Basis der Exponentialfunktion über 1, R-Wert über 1) oder schrumpfen exponentiell (Basis der Exponentialfunktion unter 1, R-Wert unter 1).

Dabei gibt es Kipppunkte, die dafür verantwortlich sind, dass die Basis der Exponentialfunktion in kurzer Zeit größer oder kleiner wird. Ein Kipppunkt  ist der Zeitpunkt, an dem die Gesundheitsämter nicht mehr in der Lage sind, das Infektgeschehen durch Kontaktnachverfolgung zu kontrollieren.

Wird dieser Kipppunkt überschritten, sind plötzlich viel drastischere Maßnahmen notwendig (Kontaktbeschränkungen, Beschränkungen in der Gastronomie, bei Veranstaltungen usw.) und das sehen wir gerade jetzt. Also Folge des Untermaßes im Sommer.

Was ist also unser Ziel? Wir müssen darüber nachdenken, ob der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nicht verlangt, die Maßnahmen so zu gestalten und so lange aufrechtzuerhalten, bis das Infektgeschehen sich wieder in einem Bereich bewegt, in dem die Kontaktnachverfolgung nachweislich wirksam ist. Und danach den R-Wert dauerhaft unter 1 halten, denn das Gegenteil ist wohl nicht verhältnismäßig.

Sind Kinder „Infektionstreiber der Pandemie“?

25.10.2020

Warum wird dieses Thema kontrovers diskutiert? Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, lernt jeder Medizinstudent. Und man muss noch genauer differenzieren: Neugeborene sind keine Säuglinge sind keine Kleinkinder sind keine Vorschulkinder sind keine Grundschulkinder sind keine älteren Kinder sind keine Jugendlichen. Die Biologie und das Sozialverhalten unterscheiden sich in den Altersgruppen.

Erkenntnisse, die bei Erwachsenen gewonnen wurden, lassen sich nicht auf Kindergartenkinder übertragen und Erkenntnisse bei Kindergartenkindern nicht auf Grundschulkinder.

Eltern von Kindergartenkindern wissen aus Erfahrung: sobald das erste Kind eine KiTa besucht, erkranken alle Familienmitglieder häufiger an Atemwegsinfekten und Brechdurchfall. Die Erreger werden in die KiTa hineingetragen, verbreiten sich dort und werden dann nach Hause mitgebracht.

Doch gilt dies auch jetzt (schließlich ist man vorsichtiger geworden) und gilt dies auch für Coronavirusinfektionen?

Und was bedeutet eigentlich „Infektionstreiber“? Was will man ausdrücken, wenn man sagt Kinder seien keine Infektionstreiber? Will man ausdrücken, dass Kinder Corona weniger übertragen als andere Altersgruppen? Oder will man ausdrücken, dass Kinder Corona nicht deutlich mehr übertragen als Erwachsene? Oder will man damit begründen, dass Kindergärten und Schulen offengehalten werden sollen, weil man das sinnvoll findet?

Das Robert-Koch-Institut schreibt im Coronavirus-Steckbrief

(https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html, Stand 16.10.2020) im Abschnitt „Kinder- und Jugendliche“:

Infektiosität:

Die Infektiosität im Kindesalter wurde bisher selten untersucht und kann daher nicht abschließend bewertet werden. Die Ansteckungsrate durch Kinder war in Studien ähnlich hoch oder höher als bei erwachsenen Primärfällen (188, 192). Studien zur Viruslast bei Kindern zeigen keinen wesentlichen Unterschied zu Erwachsenen (193-197).

Die Corona-KiTa-Studie, ein Koordinationsprojekt zwischen dem Deutschen Jugendinstitut (DJI) und dem Robert Koch-Institut (RKI) (https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Projekte_RKI/KiTaStudie.html) wurde im Mai 2020 gestartet und untersucht folgende Fragestellungen:

  1. Unter welchen Bedingungen wird die Kinder­tages­betreuung während der Corona-Pandemie angeboten?
  2. Welche Herausforderungen sind für die Kindertagespflege und die Kinder­tages­einrichtungen, das Personal und die Familien von besonderer Bedeutung?
  3. Unter welchen Bedingungen gelingt eine schrittweise, kontrollierte Öffnung?
  4. Wie hoch sind die damit einhergehenden Erkrankungs­risiken für alle Beteiligten?
  5. Welche Rolle spielt die Gestaltung der schritt­weisen Öffnung für die weitere Verbreitung von SARS-CoV-2, und welche Rolle kommt dabei Kindern zu?

Mit Verweis auf die Corona-KiTa-Studie werden unterschiedliche Auffassungen zu Schutzmaßnahmen in Schulen oder Kindertagesstätten begründet. Soweit es die Schulen betrifft, ist das nicht seriös, weil Schulkinder und Schulen von der Studie nicht adressiert werden. Für KiTas ist die Studie eine geeignete Datengrundlage; allerdings muss bedacht werden, dass der letzte Monatsbericht vom September 2020 nicht die Phase der zuletzt stark steigenden Fallzahlen einschließt.

Aus meiner Sicht ist die Frage „sind Kinder Infektionstreiber?“ nicht und vor allem nicht für alle Altersstufen geklärt. Ich bin deshalb vorsichtig und unterstütze die aktuellen Empfehlungen des RKI  (https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Praevention-Schulen.html, Stand 12.10.2020).

Die Mathematik der Pandemie

24.10.2020

Das Coronavirus breitet sich (falls die Rahmenbedingungen, die man in der Basis der Funktion zusammenfassen kann, sich nicht ändern und die Durchseuchung noch niedrig ist) exponentiell aus. Ist die Basis der Exponentialfunktion größer als 1, nehmen die Neuerkrankungen zu, unter 1 nehmen sie ab. Bleibt die Basis über 1, wird ein großer Teil der Bevölkerung erkranken.

Ob das relevant ist, darüber wird gerade gestritten. Ist die Infektion eher mit einer Grippe vergleichbar, oder ist sie gefährlicher? Sterben 3%, sind das in Deutschland etwa 2,4 Millionen Menschen, sterben 1%, sind das 800.000. Sterben eigene Verwandte, ist die Gesamtzahl nicht mehr wichtig. Ist der Tod schicksalshaft, wird man es hinnehmen müssen, ist er vermeidbar, wird man hadern.

Blickt man über den Tellerrand ins Ausland, so beobachtet man: in Ländern, die die Pandemie im Griff haben, geht es der Wirtschaft gut und die Menschen können beinahe normal leben. In Ländern, die die Pandemie nicht im Griff haben, dekompensiert zuerst das Gesundheitssystem (auch die Regelversorgung); viele Regierungen sehen das dann als Problem an, denn (alle!) kranken Menschen werden schlechter versorgt. Will man dann im Chaos die Basis unter 1 drücken, sind drastischere Maßnahmen notwendig, als bei niedrigen Erkrankungszahlen, der bekannte lock-down folgt.

In meiner täglichen Arbeit nimmt Corona einen viel größeren Raum ein, als noch im Sommer. Hohe Erkrankungszahlen bedeuten höheren Ressourcenverbrauch, weniger Zeit für die anderen Patienten. Die Weiterversorgung der „normalen“ Patienten in Krankenhäusern und Facharztpraxen ist aufgrund des höheren Aufwands zunehmend eingeschränkt.

Wer eine Familie mit Kindern hat, erleidet durch höhere Erkrankungszahlen auch zuhause zunehmende Einschränkungen: Kinder in Quarantäne müssen zuhause betreut werden, die Betreuung in der Quarantänesituation belastet. Besuch darf nicht kommen, die Eltern müssen versuchen, die Einsamkeit der zuhause isolierten Kinder zu kompensieren. Manche Eltern fallen dann auch im Beruf aus, eine Krankenschwester oder ein Arzt kann nicht im Homeoffice arbeiten.

Jeder neue Erkrankte ist Sand im Getriebe des Lebens vieler Menschen im Land. Irgendwann kippt die Lage und die geölte Maschine unserer überall verzahnten Gesellschaft läuft heiß und gibt dann den Geist auf. Wahrscheinlich zuerst in den Intensivstationen, wo das geschulte Personal unter der Überlastung und aufgrund eigener Ausfälle dekompensiert.

Die Mathematik der Pandemie ist eigentlich einfach: will man eine Basis unter 1, so macht es Sinn, dies bei niedrigen Erkrankungszahlen zu erreichen. Unser Leben ist dann ziemlich angenehm, die Einschränkungen sind gering. Akzeptiert man eine Basis über 1, muss man gar nichts unternehmen, denn dann müssen sehr viele von uns die Erkrankung durchmachen und die Folgen akzeptieren. Weitere Optionen gibt es, falls eine Impfung kommt oder langsame Durchseuchung zu einer langdauernden Immunität führt, aber das wissen wir noch nicht.